Wem würde ich ohne zu zögern trauen, wenn es mich das Leben kosten könnte?

Diese Frage habe ich mir letztes Wochenende gestellt, als ich in einem Gedichtband über die Ballade “Die Bürgschaft” von Friedrich Schiller stolperte. Dabei kamen mir ein paar Gedanken zu Freundschaft, die ich mit euch teilen will.

Für alle die sich nicht mehr erinnern: ein zum Tode Verurteilter erbittet sich drei Tage Zeit um “seine Schwester dem Gatten zu freien”. Er stellt seinen Freund als Bürgen. Sollte der Verurteilte in der besagten Zeit nicht zurückkehren, wird dieser Freund statt seiner getötet. Ich habe über diesen Handel nachgedacht und versucht es auf mein Leben zu beziehen. Manche Menschen fallen mir ein, bei denen ich keinen Zweifel habe, dass sie zurückkämen um mich abzulösen. Dabei spielt weniger der Grad der Freundschaft eine Rolle, als die Beschaffenheit dieser Personen. Es gibt Menschen, die in dieser Hinsicht unfehlbar scheinen und ausstrahlen bis zum eigenen Tode zu ihrem Wort zu stehen. Und es gibt andere, denen ich einknicken vor sich selbst und Verdrängung eher zutrauen würde. Selbst dann wenn ihr genereller Wille nicht in Frage steht. Diese Fehlbarkeit kann liebenswürdiger Teil ihres Charakters sein. Und doch tut es immer gut, gefestigt scheinende Seelen um sich rum zu wissen. Sie sind die Felsen in der Brandung, die anderen dafür das bunte Meer. Es ist ein großes Thema: “jemand zu sein, auf den man sich verlassen kann”, bringt es eigentlich auf den Punkt. Ich kann mich selber verlassen und ein anderer bleibt noch da. Aber wir mögen auch das bunte Meer, solange die Küste in Sicht ist.

Auch interessant ist die Frage, für wen ich zum eigenen Tod zurückkäme. “Für jeden!”, denke ich erstmal, wenn ich es doch versprochen habe. Aber könnten sich nicht vielleicht Zweifel einschleichen, wenn ich etwa erfahre dass der Wartende ein ein Mörder ist? Auch wenn es ein Dieb wäre oder nur ein Ignorant, könnte der extreme Umstand nicht zumindest Zweifel aufkommen lassen, ob ich wirklich zurück kommen sollte? Wenn wie in Schillers Gedicht auf dem Rückweg die Brücke einstürzt, würde ich mich trotzdem in die Flut stürzen und somit beide Leben riskieren? Wenn ich den Wert von jemand anderen unter meinen eigenen stelle, kann ich mir selbst gegenüber eher rechtfertigen, ihm Unrecht zu tun. Man denke dabei an vergangene Zeiten (aber man schaue sich auch um!). Im Umkehrschluss finde ich aber einen Hinweis darauf, was wahre Verlässlichkeit erzeugt: Von jemandem auf Augenhöhe gesehen zu werden. Je mehr ich einen Menschen in all seinen Qualitäten sehe, desto schwerer wird mir fallen ihn zu verleugnen. Wir kennen das Gefühl alle: wenn schlecht über jemanden gesprochen wird den wir lieben, verteidigen wir ihn. Das passiert auch in uns. So klar gesehen und auch im Innern gegen den Überlebenswillen verteidigt zu werden – das ist wohl die Freundschaft, die Schiller meint.

Es gibt dazu noch eine Art moralische Komponente. Manchen Leuten ist es hoch und heilig ihr Wort zu geben und dazu zu stehen. Sie steuern darauf zu und suchen nach etwas, wofür sie einstehen können. Denn es hat etwas heroisches: Ich halte mein Wort! Weil ich mich abhebe von all denen, die es nicht täten. Ob all die, die das laut kund tun wenn es ernst wird dabei bleiben, ist zu bezweifeln. Schön ist, wenn die Qualität des Worthaltens still vermittelt wird. Ein Jünger beteuert Jesus seine unbedingte Loyalität. Jesus entgegnet: “ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.” Er erwartet es nicht anders. Für mein Empfinden ist es aber ein sehr liebevoller und väterlicher Ausspruch. Es scheint mir als wolle er sagen: “Wisse stets, was für fehlbare Seelen wir sind.” Und das ist vielleicht die wahre Größe hinter allem – aus der stillen und glasklaren Loyalität heraus trotzdem um die eigene Fehlbarkeit zu wissen. Denn was können wir schon wirklich über Situationen sagen, in denen es um unser Leben geht?

Und noch ein Gedanke:

Wenn Jesus das so sagt (wie es dann auch passiert), was steckt darin für ein Trost? Selbst er, nach allem, ist so leicht zu verleugnen! Aber er weiß wohl, dass es bei dem Verrat nicht um ihn selbst geht, sondern um die Ängste des Simon und die Beschaffenheit der Welt. Die Lehre die darin steckt, geht für mich noch viel weiter als das heutzutage oft zitierte “Du sollst nicht über andere urteilen”. Denn es sagt: “Du sollst nicht über dich selbst urteilen, in Umständen die du noch nicht kennst.” Soviel zu den eingangs geführten Gedanken zur Bürgschaft, aber auch zu Schwüren zu Liebe & Treue bis ans Lebensende oder zu der Wut auf die Fehler der Elterngeneration. Wenn wir meinen die Umstände zu kennen, fühlen wir sie auch? Ist das überhaupt möglich? In welchen Umständen stecken wir, die kommende Generationen vielleicht ablegen? Wie idiotisch wird ihnen unser Tun vorkommen? Ehe der Hahn zweimal kräht werden wir dreimal… 

Was da kommt kann uns nur die Zukunft zeigen. Aber es wird kommen.

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