Erinnerungen

Dieses Lied “Erinnerungen” wollte ich eigentlich nie veröffentlichen. Ich habe es geschrieben, um es meiner Familie an Weihnachten vorzuspielen. Wenn sie alle darin vorkommen, dachte ich, dann verstehen sie vielleicht noch besser was ich eigentlich mache. Es waren damals noch mehr und größtenteils andere Strophen, diese flechten sich unterbewusst mit ein: an wen habe ich lange nicht gedacht, der muss mal wieder genannt werden. Dieser Fundus wächst noch: als mein Opa im letzten Jahr gestorben ist, kam noch die Strophe mit ihm dazu, ich habe sie dann auf seiner Beerdigung das erste Mal gesungen. Eine andere habe ich für einen Freund, auf seiner Hochzeit gesungen.

“Denn sie waren alle einmal da für mich, bis wir uns nicht mehr so oft, oder auch gar nicht mehr sahen.”

Aber eigentlich geht es gar nicht unbedingt um den Tod, sondern um die Beziehungen, die so intensiv sind und die sich mit der Zeit ohne speziellen Grund verlieren. Das war der eigentlich treibende Gedanke, durch den das Lied zu seiner jetzigen Form gefunden hat. Der C-Teil kam später dazu und regelmäßig kommt es mir vor wie eine kleine Beschwörung, wenn ich singe, dass ich hoffe, dass die Personen auch manchmal an mich denken, wo auch immer sie sind. Ob im Himmel oder noch immer in der Wohnung, in der ich sie zuletzt besucht habe. 

Manchmal hilft es mir dann zu denken, dass das “Jetzt” auch nur einer von sehr vielen Sichtweisen ist, die am Ende des Lebens alle nebeneinander stehen werden. Wir gehen immer davon aus, dass wir klüger werden, unsere Beziehungen intensiver, wir zu einem Kern vordringen. Das “Jetzt” scheint immer die weiseste Version von uns zu sein. Aber ist das wirklich so? In Wirklichkeit verlieren wir, glaube ich, die meiste Zeit genau so viel, wie wir gewinnen. Nur schauen wir vielleicht nicht so gerne danach . Nach einer Zeit kann uns das auf die Füße fallen. Diese Stelle in dem Lied hilft mir, mich daran zu erinnern.

Das Lied ist im stetigen Wandel und mittlerweile nicht mal bei meiner Person geblieben. Irgendwann bekam ich einen Anruf vom Berliner Senat, ob ich ein Lied mit einem Geflüchteten schreiben kann. Sinan stand dann da in meiner Küche und erzählte von seiner Reise hierher, den Leuten die er getroffen hat und die ihm was bedeutet haben. Am selben Nachmittag hatte ich eine neue Version des Liedes, die “Die Erinnerungen des Sinan M.”  Wer weiß wessen Erinnerungen ich noch zu einem Lied machen kann, diesem Spiel sind keine Grenzen gesetzt. 

Als ich das Lied kurz vor Weihnachten einem Freund vorspielte, antwortete dieser bewegt Erstes: “das ist ja ein Lied über meine Familie!” Da wusste ich, dass ich es auf die Bühne bringen muss. Genau das ist es, was ich an meinem Beruf am meisten liebe: aufzeigen zu können wie sehr wir einander ähneln. Eine Erkenntnis, die Frieden schafft.

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