Die Reise des lausigen Kapitäns

Manifest des Vertrauens

(aus dem Theaterstück „Die Reise des lausigen Kapitäns“)

1. Wir wollen den Bruch mit allen Grenzen, den äußeren wie den inneren. Die Wände der Wohnungen, in denen wir leben, wollen wir brechen können wie die Zäune und Mauern an den Landesgrenzen, wie die Gedanken, was richtig und falsch ist, zu einem sich stetig wandelnden Ganzen.

2. Wir wollen, dass jedes Konstrukt in dem Menschen miteinander leben Familie genannt wird, auf dass es keine richtigere oder bessere Form von Familie gibt. Wir wollen das omnipräsente Konzept der Ehe infrage stellen, für die Millionen von brüllenden Kreaturen, die sich und ihr ganzes schillerndes Wesen dem untergeordnet haben, aus Angst davor, verachtet zu werden, und deren ganze negative Energie in dieser Gesellschaft steckt, in der sie sich nie frei entfalten durften. Wir wollen unsere eigenen Geschichten des Zusammenlebens schreiben, ohne dafür verurteilt zu werden.

3. Wir wollen, dass unsere Kinder in den Schulen angeleitet werden, den Rhythmus und die Werte ihres Lebens zu finden, anstatt dass sie nach einer veralteten Idee von Normalität geformt werden. So können sie sich selbst und dieser Welt vertrauen, weil sie bei sich selbst sein können. Nur dann werden sie ihre eigenen bahnbrechenden Ideen finden, die noch viel weiter gehen und uns eines Tages ablösen werden.

4. Wir wollen uns loslösen vom Diktat der Technokratie, von dem immer schneller und größer werdenden System von Dingen, die uns abhalten von unserem Ursprung, der Liebe und den tiefen und weiten Gedanken. Wir wollen uns loslösen von der oberflächlichen Kommunikation, von der gesichts- und stimmlosen Kommunikation, die uns nichts über das Menschsein mitteilt und Ursache ist von Missverständnis und Gewalt.

5. Wir wollen die Liebe von den Verpflichtungen befreien, die unsere Eltern und Großeltern ihr auferlegt haben, damit sie, so wie unsere Kinder, ihre eigenen Geschichten schreiben kann. Wir wollen helfen, die Fixiertheit von zwei Menschen nur aufeinander aufzulösen, denn einer kann nie genug sein, um ein anderes Leben zu tragen. Wenn das geschieht, wird ein Aufatmen durch die Welt gehen. So wie es ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen, braucht es auch eine Gemeinschaft, um eine Seele aufzufangen.

6. Wir wollen das Geld entmachten, aber das wird von ganz alleine geschehen, wenn wir uns auf das Leben konzentrieren, denn jedes Kind weiß, dass Glück und Erfüllung nicht mit Geld zu kaufen sind und dass jedes Ding, das mit viel Geld zu kaufen ist, unendlich leer sein kann und jede Stunde an einem Fluss unendlich reich. Wir wollen uns bewusst machen, dass unendliche Möglichkeiten niemals unendliches Glück bedeuten.

7. Wir wollen Traditionen auflösen und das Erbe auf sentimentale Werte beschränken, denn die verschiedenen Klassen und Lebensstile sind Mauern wie die an den Landesgrenzen und sorgen für Unverständnis unter den Bevölkerungsgruppen. So kennen die Reichen die Probleme der Armen nicht und schätzen sie gering, und die Armen kennen die Probleme der Reichen nicht und schätzen sie gering. Dieses Übel wird durch Unwissen von Generation zu Generation weitergegeben. Letztendlich gibt es in allen Schichten eine ähnliche Menge Glück und eine ähnliche Menge von Problemen, aber ein großes Unverständnis füreinander.

8. Wir wollen die Straßen von den unendlichen Blechlawinen und Amaden von Autos befreien, die auch alle Käfige sind und verhindern, dass man sich gegenseitig sieht. Die außerdem stinken und einen Heidenlärm machen.

9. Die einzige Autorität, der wir uns unterordnen wollen, ist die des Miteinanders. Jedes Miteinander von mitfühlenden Menschen wird eine eigene Dynamik finden und seine Rollen nützlich verteilen. Je festgelegter die Rolle, in der wir uns selbst sehen, desto weniger nützlich sind wir für alle Arten von Gemeinschaft. Lasst uns unbeschriebene Blätter sein für all die, die da kommen. Lasst uns die Adjektive, die wir uns selbst angehängt haben und mit denen wir uns eingerichtet haben, vergessen. So wie die Alten dich jung nennen und die Jungen dich alt, werden die Lauten dich leise nennen und die Leisen dich laut, du kannst jedoch für alle etwas sein.

10. Wir wollen das Bewusstsein in uns tragen, dass jeder Mensch sich für den weisesten hält und ihm das auch zugestehen. Denn er ist es für seine eigene Welt. Problematisch ist die Überzeugung, das gelte für alle Welten. Wir wollen das, was für alle Welt gelten kann, nur als Angebot formulieren, als Idee an der man sich orientieren kann, in der Hoffnung, auf diese Weise mit der Zeit noch klarere Pfade zu erschaffen.

Max Prosa, 2018

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s