Das verlorene Land

Das verlorene Land

Das verlorene Land, in dem wir lebten, liebten, lachten und schwere Stunden verbrachten und ich dem Milch und Honig fließen sollte, ist ein Teil von uns geblieben. Manchmal, oft abends kurz vor dem Einschlafen oder morgens, wenn der Traum noch dröhnt, tappt der Geist aus Gewohnheit in dieses Land und steht erschrocken: er findet sich inmitten von Ruinen. Prachtvolle Bauwerke, die nur noch ein Schatten dessen sind, was sie einmal waren. Nutzlos liegen sie da und können doch nicht von der Landkarte getilgt werden. Diese Ruinen waren einmal der ganze Stolz unserer Landschaft, bevor die Vulkane ausbrachen. An diese Zeit gibt es wenig gute Erinnerung, denn schnell war klar: Wir werden dieses Land verlassen müssen. Wir werden den Schreck überwinden müssen, jeder für sich, vielleicht alleine oder mit fremder Hilfe. Das sollte jeder selbst entscheiden. Vielleicht würde das verlorene Land sich dann wieder begrünen, die Vulkane sich beruhigen, ein neues Leben ermöglichen, so dachten wir.

Nun sind wir schon eine ganze Weile unterwegs und sehen über dem verlorenen Land immer noch Blitze zucken. Wir sind so weit gelaufen, dass der Weg zurück ungewiss scheint. Doch es war eben dunkel, die Vulkane haben gebrodelt und die Angst trieb uns immer weiter fort. Wir wissen voneinander, dass es sich gut anfühlt auf Reisen zu sein. Es hätte längst passieren müssen. Doch als wir noch im verlorenen Land lebten, war es ein Affront es ohne den anderen zu verlassen. Du hattest dich als es unwirtlich wurde ab und an und immer öfter hinausgeschlichen. Ich bin da geblieben, weil ich dachte es gibt dir die Sicherheit und die Vulkane würden sich schon beruhigen. Du hast daraus vielleicht geschlossen, dass es mir so wie es dann war gefällt. Es war so ein  hin und her. Doch auch, als du schon auf Wanderung gegangen bist , saß ich noch eine Weile im verfallenen Schloß und hoffte, dass sich die Umstände ändern würden. Bis ich es dann auch nicht mehr aushielt und losrannte.

Der Abschied fiel schwer, wir wussten dass wir dieses Land zu dem gemacht hatten, was es jetzt war und daraus ergab sich auch, dass wir es auch zu etwas anderem machen könnten, etwas das schöner, größer und herrlicher ist als alles was wir je zuvor gesehen hatten. Das Land war groß genug, die Erde war fruchtbar, wir hätten nicht viel gebraucht. Aber wo wieder beginnen? Als die Vulkane ausbrachen, wurde die Fläche auf der wir uns bewegen konnten immer kleiner. Am Ende war sie kaum größer als wir selbst.

Der Abschied fiel schwer und trotzdem schafften wir als er beschlossen wurde das Unmögliche. Für einen Tag und eine Nacht ließen wir die Vulkane verstummen, die Wiesen ergrünen und die Blumen erblühen. Selbst die tiefsten Krater zeigten ein leichtes grün. Vielleicht war es unsere Vorstellungskraft, die kurze Zeit über die Realität siegte. Vielleicht war es der Wille noch einmal zu spüren, was uns so lange Zeit dort gehalten hat.

Wir sind in verschiedene Richtungen gelaufen. Wir sehen einander nicht, doch wir spüren: bei jedem Schritt aufeinander zu zuckt ein Blitz oder manchmal, ganz selten, zeigt sich auch Sonne hinter den Wolken. Jeder hat seine Erfahrungen gemacht und sich schnell gewandelt, mit seinen Wünschen und Idealen. Wir mussten uns schnell anpassen an das neue Leben.

Der Weg zurück ist nicht mehr. Erst neulich fiel die letzte Brücke über den Abgrund. Die neuen Länder die wir betreten wirken vielversprechend grün, wir müssen nicht viel tun um sie so zu erhalten. Eigentlich könnten wir ganz zufrieden sein. Aber irgendwas an unserer Verbindung bleibt. Der Geist tappt noch immer in das Land der Ruinen, es ist als wären wir dort nicht fertig. Es ist nichts was verjährt. Nicht in einem Leben und nicht in zehn. Je weiter wir uns weg bewegen desto näher wird es uns kommen, es ist auf keiner Landkarte. Wir müssen zurück finden, jeder auf seine Weise und vielleicht ohne einander, in dieses Land der Ruinen. Bis dahin bleiben wir Wanderer ohne zuhause. Bis dahin können wir fliegen aber nicht landen. Bis dahin können wir treiben aber nicht ankern. Bis dahin können wir lieben aber nicht bleiben.

1 Comment

  1. Eine schönere, bitterere, verletztere und wahrere Interpretation von Flucht, Verlassenheit, Einsamkeit und Nichtankommen in einem anderen Land, habe ich nicht gelesen.
    Eigentlich sollte dies eine Hymne auf all die Vertriebenen, Flüchtenden und auch hoffnungsvollen Fremden in diesem Land sein….auch ..und besonders für diejenigen, die ihr eigenes, inneres Land verlassen mussten….

    Liken

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