Meine Einsamkeit   ist nicht deine Einsamkeit,  doch wenn wir uns zusammentun dann können wir gemeinsam das weite Land um uns bestaunen. 

Dein Regen wird nicht sein wie meiner,  dennoch kenne ich das Gefühl bis auf die Knochen durchnässt zu werden. Und dann ist es gut wenn einen jemand in den Arm nimmt, ganz egal was das für ein Regen war und woher er kam.

Die Leere Fläche auf die du schaust,  wird anders aussehen als meine, die Ruinen der Vergangenheit stehen an verschiedenen Plätzen  und das wärmende Licht schöner Erinnerungen kommt aus anderen Winkeln.  Dennoch können wir uns etwas ausdenken für die Leere dazwischen,  denn wir werden beide genug freie Räume finden, wenn wir auf die Ebene schauen.

Dein heraufziehendes Gewitter  wird anders klingen als meines,  vielleicht ist es weiter weg oder näher dran als bei mir,  aber dennoch können wir spekulieren, dass es vorbeizieht, oder ein wenig singen um es zu übertönen. 

Dein tröstender Kuss  wird anders schmecken als meiner,  auch wenn es derselbe Kuss ist, spüren wir doch die jeweils anderen Lippen, verbinden wir doch jeweils andere Geschichten damit.  Dennoch tut es gut sich auf diese Weise zu begegnen, wie unsere Körper es vorgeben und ohne zu viel zu denken. 

Deine Einsamkeit  ist nicht meine Einsamkeit,  darum fühlt sie sich auch so einsam an, weil wir immer nur Bilder davon malen können, in jedem Detail stecken hunderte weitere und an jedem Tag sieht es ein bisschen anders aus. 

Dein Kojote, der in der Ferne heult,  wird anders klingen als meiner,  auch wenn wir nichts über ihn wissen, ihn beide nie zu Gesicht bekommen. Dennoch können wir sein Geheul imitieren und darüber lachen, wie komisch und weit weg von echtem Geheul wir klingen. 

Wenn ein Schmetterling an dir vorüberfliegt,  dann wird das wahrscheinlich bei mir in diesem Moment nicht passieren. Doch wie du darüber erzählst lässt in mir den Moment auferstehen, in denen Schmetterlinge an mir vorübergezogen sind. 

Und dann weiß ich wieder besser, dass Schönheit in der Einsamkeit wohnt und sich von Zeit zu Zeit zeigt.


Du suchst weiter

Ein funktionierender Kopf

ist gut einen zu haben

ihn alles zu fragen

ihn hoch oben zu tragen

Aber ich hoffe du weißt

dass das nicht immer viel heißt

wenn es dich aus der Flugbahn reißt

Und du suchst nach den guten Lösungen

Siehst ein Ziel, doch kein Weg führt mehr dahin

Der eine Satz ist gefallen

und die Antwort kam auch

und es gibt nur die Zeit die alles braucht

Ein funktionierendes Leben

in Liebe zu baden

sich auf Händen zu tragen

und sich alles alles alles zu sagen

Aber ich hoffe du weißt

dass das nicht immer so kommt

du warst es nur lang, so lang gewohnt

Und du suchst nach den guten Lösungen…

Doch du, du suchst und suchst, suchst weiter

dort wo niemand vor dir war

siehst dich selbst aus allen Winkeln

doch Philosophie schafft keine Julia

Und du suchst nach den guten Lösungen…

Der Film “Auf der Suche nach mehr” ist 2017 zusammen mit dem damaligen Album “Keiner kämpft für mehr” entstanden. Regisseur Marc Littler ist mit mir dafür nach Irland gefahren, das Land in dem ich mich als 18jähriger Physikstudent dazu entschied Songwriter zu werden. Mehr über diese Entscheidung, ihre Konsequenzen und meine Arbeit erfahrt ihr im Film, der jetzt zum ersten Mal frei verfügbar ist.

Dieses Lied “Erinnerungen” wollte ich eigentlich nie veröffentlichen. Ich habe es geschrieben, um es meiner Familie an Weihnachten vorzuspielen. Wenn sie alle darin vorkommen, dachte ich, dann verstehen sie vielleicht noch besser was ich eigentlich mache. Es waren damals noch mehr und größtenteils andere Strophen, diese flechten sich unterbewusst mit ein: an wen habe ich lange nicht gedacht, der muss mal wieder genannt werden. Dieser Fundus wächst noch: als mein Opa im letzten Jahr gestorben ist, kam noch die Strophe mit ihm dazu, ich habe sie dann auf seiner Beerdigung das erste Mal gesungen. Eine andere habe ich für einen Freund, auf seiner Hochzeit gesungen.

“Denn sie waren alle einmal da für mich, bis wir uns nicht mehr so oft, oder auch gar nicht mehr sahen.”

Aber eigentlich geht es gar nicht unbedingt um den Tod, sondern um die Beziehungen, die so intensiv sind und die sich mit der Zeit ohne speziellen Grund verlieren. Das war der eigentlich treibende Gedanke, durch den das Lied zu seiner jetzigen Form gefunden hat. Der C-Teil kam später dazu und regelmäßig kommt es mir vor wie eine kleine Beschwörung, wenn ich singe, dass ich hoffe, dass die Personen auch manchmal an mich denken, wo auch immer sie sind. Ob im Himmel oder noch immer in der Wohnung, in der ich sie zuletzt besucht habe. 

Manchmal hilft es mir dann zu denken, dass das “Jetzt” auch nur einer von sehr vielen Sichtweisen ist, die am Ende des Lebens alle nebeneinander stehen werden. Wir gehen immer davon aus, dass wir klüger werden, unsere Beziehungen intensiver, wir zu einem Kern vordringen. Das “Jetzt” scheint immer die weiseste Version von uns zu sein. Aber ist das wirklich so? In Wirklichkeit verlieren wir, glaube ich, die meiste Zeit genau so viel, wie wir gewinnen. Nur schauen wir vielleicht nicht so gerne danach . Nach einer Zeit kann uns das auf die Füße fallen. Diese Stelle in dem Lied hilft mir, mich daran zu erinnern.

Das Lied ist im stetigen Wandel und mittlerweile nicht mal bei meiner Person geblieben. Irgendwann bekam ich einen Anruf vom Berliner Senat, ob ich ein Lied mit einem Geflüchteten schreiben kann. Sinan stand dann da in meiner Küche und erzählte von seiner Reise hierher, den Leuten die er getroffen hat und die ihm was bedeutet haben. Am selben Nachmittag hatte ich eine neue Version des Liedes, die “Die Erinnerungen des Sinan M.”  Wer weiß wessen Erinnerungen ich noch zu einem Lied machen kann, diesem Spiel sind keine Grenzen gesetzt. 

Als ich das Lied kurz vor Weihnachten einem Freund vorspielte, antwortete dieser bewegt Erstes: “das ist ja ein Lied über meine Familie!” Da wusste ich, dass ich es auf die Bühne bringen muss. Genau das ist es, was ich an meinem Beruf am meisten liebe: aufzeigen zu können wie sehr wir einander ähneln. Eine Erkenntnis, die Frieden schafft.

Viele von euch kennen mein Lied “Die Erinnerungen des Geflüchteten Sinan M.” von den Konzerten. Immer wieder wurde ich gefragt wer dieser Sinan eigentlich ist, wie es ihm geht und was uns verbindet. Deshalb habe ich diesen Podcast aufgenommen. Wir unterhalten uns über sein Leben hier in Berlin, unsere Freundschaft und seinen Blick auf Islamfeindlichkeit und Flüchtlinge. Ich plane derartige Gespräche regelmäßig aufzuzeichnen, dies ist also die erste Folge des “Heldengeschichten” Podcasts.



Regie Sandra Ludewig

Der Clown

Die Vorstellung beginnt

im Herzen sind wir Kind

der Kopf spielt Akrobat

wünscht sich viel Applaus

macht nen Salto und rutsch aus

Er liegt im Sand und denkt daran

wie das Glück so plötzlich kam

und wieder ging

das Herz, das Kind, schlägt nebenan

und gibt den Dingen einen Sinn

Hier im Zirkus Heile Welt

tobt die Menge wenn man fällt

und der Clown, der alte Held

er lief so unschuldig durchs Zelt

aus Versehen hat er mir

sein Bein gestellt

Und das Räderwerk rotiert

Mademoiselle, sie balanciert

die ganze ellenlange Show

und dann fällt sie still hinab

dieser Zirkus ist ihr Grab

Kopf & Herz schauen es mit an

auch wenn’s keiner ändern kann

sie zweifeln doch

Der Clown er grinst im Walzerschritt

aber sein Auge grinst nicht mit

Hier im Zirkus Heile Welt

Und dressierte Menschen springen

wenn Dompteure Peitschen schwingen

Schwindler sitzen auf dem Thron

und eine Beste die’s erkennt

wartet auf ihren Moment

Hier im Zirkus Heile Welt

tobt die Menge wenn man fällt

und der Clown war lang der Held

er lief so unschuldig durchs Zelt

wollte kein Dank, brauchte nur Geld

aus Versehen hat man ihm

ein Bein gestellt.


Wem würde ich ohne zu zögern trauen, wenn es mich das Leben kosten könnte?

Diese Frage habe ich mir letztes Wochenende gestellt, als ich in einem Gedichtband über die Ballade “Die Bürgschaft” von Friedrich Schiller stolperte. Dabei kamen mir ein paar Gedanken zu Freundschaft, die ich mit euch teilen will.

Für alle die sich nicht mehr erinnern: ein zum Tode Verurteilter erbittet sich drei Tage Zeit um “seine Schwester dem Gatten zu freien”. Er stellt seinen Freund als Bürgen. Sollte der Verurteilte in der besagten Zeit nicht zurückkehren, wird dieser Freund statt seiner getötet. Ich habe über diesen Handel nachgedacht und versucht es auf mein Leben zu beziehen. Manche Menschen fallen mir ein, bei denen ich keinen Zweifel habe, dass sie zurückkämen um mich abzulösen. Dabei spielt weniger der Grad der Freundschaft eine Rolle, als die Beschaffenheit dieser Personen. Es gibt Menschen, die in dieser Hinsicht unfehlbar scheinen und ausstrahlen bis zum eigenen Tode zu ihrem Wort zu stehen. Und es gibt andere, denen ich einknicken vor sich selbst und Verdrängung eher zutrauen würde. Selbst dann wenn ihr genereller Wille nicht in Frage steht. Diese Fehlbarkeit kann liebenswürdiger Teil ihres Charakters sein. Und doch tut es immer gut, gefestigt scheinende Seelen um sich rum zu wissen. Sie sind die Felsen in der Brandung, die anderen dafür das bunte Meer. Es ist ein großes Thema: “jemand zu sein, auf den man sich verlassen kann”, bringt es eigentlich auf den Punkt. Ich kann mich selber verlassen und ein anderer bleibt noch da. Aber wir mögen auch das bunte Meer, solange die Küste in Sicht ist.

Auch interessant ist die Frage, für wen ich zum eigenen Tod zurückkäme. “Für jeden!”, denke ich erstmal, wenn ich es doch versprochen habe. Aber könnten sich nicht vielleicht Zweifel einschleichen, wenn ich etwa erfahre dass der Wartende ein ein Mörder ist? Auch wenn es ein Dieb wäre oder nur ein Ignorant, könnte der extreme Umstand nicht zumindest Zweifel aufkommen lassen, ob ich wirklich zurück kommen sollte? Wenn wie in Schillers Gedicht auf dem Rückweg die Brücke einstürzt, würde ich mich trotzdem in die Flut stürzen und somit beide Leben riskieren? Wenn ich den Wert von jemand anderen unter meinen eigenen stelle, kann ich mir selbst gegenüber eher rechtfertigen, ihm Unrecht zu tun. Man denke dabei an vergangene Zeiten (aber man schaue sich auch um!). Im Umkehrschluss finde ich aber einen Hinweis darauf, was wahre Verlässlichkeit erzeugt: Von jemandem auf Augenhöhe gesehen zu werden. Je mehr ich einen Menschen in all seinen Qualitäten sehe, desto schwerer wird mir fallen ihn zu verleugnen. Wir kennen das Gefühl alle: wenn schlecht über jemanden gesprochen wird den wir lieben, verteidigen wir ihn. Das passiert auch in uns. So klar gesehen und auch im Innern gegen den Überlebenswillen verteidigt zu werden – das ist wohl die Freundschaft, die Schiller meint.

Es gibt dazu noch eine Art moralische Komponente. Manchen Leuten ist es hoch und heilig ihr Wort zu geben und dazu zu stehen. Sie steuern darauf zu und suchen nach etwas, wofür sie einstehen können. Denn es hat etwas heroisches: Ich halte mein Wort! Weil ich mich abhebe von all denen, die es nicht täten. Ob all die, die das laut kund tun wenn es ernst wird dabei bleiben, ist zu bezweifeln. Schön ist, wenn die Qualität des Worthaltens still vermittelt wird. Ein Jünger beteuert Jesus seine unbedingte Loyalität. Jesus entgegnet: “ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.” Er erwartet es nicht anders. Für mein Empfinden ist es aber ein sehr liebevoller und väterlicher Ausspruch. Es scheint mir als wolle er sagen: “Wisse stets, was für fehlbare Seelen wir sind.” Und das ist vielleicht die wahre Größe hinter allem – aus der stillen und glasklaren Loyalität heraus trotzdem um die eigene Fehlbarkeit zu wissen. Denn was können wir schon wirklich über Situationen sagen, in denen es um unser Leben geht?

Und noch ein Gedanke:

Wenn Jesus das so sagt (wie es dann auch passiert), was steckt darin für ein Trost? Selbst er, nach allem, ist so leicht zu verleugnen! Aber er weiß wohl, dass es bei dem Verrat nicht um ihn selbst geht, sondern um die Ängste des Simon und die Beschaffenheit der Welt. Die Lehre die darin steckt, geht für mich noch viel weiter als das heutzutage oft zitierte “Du sollst nicht über andere urteilen”. Denn es sagt: “Du sollst nicht über dich selbst urteilen, in Umständen die du noch nicht kennst.” Soviel zu den eingangs geführten Gedanken zur Bürgschaft, aber auch zu Schwüren zu Liebe & Treue bis ans Lebensende oder zu der Wut auf die Fehler der Elterngeneration. Wenn wir meinen die Umstände zu kennen, fühlen wir sie auch? Ist das überhaupt möglich? In welchen Umständen stecken wir, die kommende Generationen vielleicht ablegen? Wie idiotisch wird ihnen unser Tun vorkommen? Ehe der Hahn zweimal kräht werden wir dreimal… 

Was da kommt kann uns nur die Zukunft zeigen. Aber es wird kommen.