AUF DER STRASSE

Der Kapitän tritt auf die Straße und schaut in den Himmel

KAPITÄN

Die Venus steht tief heut‘ nacht. Sie kreuzt den Weg des großen Wagen. Das ist ein schlechtes Zeichen, wenn mich nicht alles täuscht. Aber die Menschen glauben nicht daran, also ist es kein schlechtes Zeichen. Woran glauben die Menschen, wonach handeln sie? Vielleicht nach der Bewegung der Aktienmärkte. Das ist neue Realität, das sind die neuen Sterndeuter, ausgebildet an den Universitäten und herbeigerufen von den Fürsten dieser Zeit, die ihre Macht erweitern wollen. Es hat sich wenig verändert.

Singt: Und so sitzen sie da, jeder in seiner Rüstung aus dem was er hat und dem was er kann. Und darunter da schlagen verloren die Herzen, wollen sich berühren aber kommen nicht ran.

KAPITÄN

Der Mensch! Wie oft war er schon genarrt. Aber doch selten so offensichtlich. Und ihr treuen Sterne, steht noch da und werdet nicht beachtet. In alten Zeiten hat man Bilder in euch gesehen und je nach ihnen gewagt, geliebt, gelebt. Ein phantastisches Theater.

Es hat ausgedient, aber ihr spielt immer weiter. Euch interessiert nicht das Publikum hier auf Erden. So ist das eine exklusive Vorstellung in jeder Nacht.

Das verlorene Land

Das verlorene Land, in dem wir lebten, liebten, lachten und schwere Stunden verbrachten und ich dem Milch und Honig fließen sollte, ist ein Teil von uns geblieben. Manchmal, oft abends kurz vor dem Einschlafen oder morgens, wenn der Traum noch dröhnt, tappt der Geist aus Gewohnheit in dieses Land und steht erschrocken: er findet sich inmitten von Ruinen. Prachtvolle Bauwerke, die nur noch ein Schatten dessen sind, was sie einmal waren. Nutzlos liegen sie da und können doch nicht von der Landkarte getilgt werden. Diese Ruinen waren einmal der ganze Stolz unserer Landschaft, bevor die Vulkane ausbrachen. An diese Zeit gibt es wenig gute Erinnerung, denn schnell war klar: Wir werden dieses Land verlassen müssen. Wir werden den Schreck überwinden müssen, jeder für sich, vielleicht alleine oder mit fremder Hilfe. Das sollte jeder selbst entscheiden. Vielleicht würde das verlorene Land sich dann wieder begrünen, die Vulkane sich beruhigen, ein neues Leben ermöglichen, so dachten wir.

Nun sind wir schon eine ganze Weile unterwegs und sehen über dem verlorenen Land immer noch Blitze zucken. Wir sind so weit gelaufen, dass der Weg zurück ungewiss scheint. Doch es war eben dunkel, die Vulkane haben gebrodelt und die Angst trieb uns immer weiter fort. Wir wissen voneinander, dass es sich gut anfühlt auf Reisen zu sein. Es hätte längst passieren müssen. Doch als wir noch im verlorenen Land lebten, war es ein Affront es ohne den anderen zu verlassen. Du hattest dich als es unwirtlich wurde ab und an und immer öfter hinausgeschlichen. Ich bin da geblieben, weil ich dachte es gibt dir die Sicherheit und die Vulkane würden sich schon beruhigen. Du hast daraus vielleicht geschlossen, dass es mir so wie es dann war gefällt. Es war so ein  hin und her. Doch auch, als du schon auf Wanderung gegangen bist , saß ich noch eine Weile im verfallenen Schloß und hoffte, dass sich die Umstände ändern würden. Bis ich es dann auch nicht mehr aushielt und losrannte.

Der Abschied fiel schwer, wir wussten dass wir dieses Land zu dem gemacht hatten, was es jetzt war und daraus ergab sich auch, dass wir es auch zu etwas anderem machen könnten, etwas das schöner, größer und herrlicher ist als alles was wir je zuvor gesehen hatten. Das Land war groß genug, die Erde war fruchtbar, wir hätten nicht viel gebraucht. Aber wo wieder beginnen? Als die Vulkane ausbrachen, wurde die Fläche auf der wir uns bewegen konnten immer kleiner. Am Ende war sie kaum größer als wir selbst.

Der Abschied fiel schwer und trotzdem schafften wir als er beschlossen wurde das Unmögliche. Für einen Tag und eine Nacht ließen wir die Vulkane verstummen, die Wiesen ergrünen und die Blumen erblühen. Selbst die tiefsten Krater zeigten ein leichtes grün. Vielleicht war es unsere Vorstellungskraft, die kurze Zeit über die Realität siegte. Vielleicht war es der Wille noch einmal zu spüren, was uns so lange Zeit dort gehalten hat.

Wir sind in verschiedene Richtungen gelaufen. Wir sehen einander nicht, doch wir spüren: bei jedem Schritt aufeinander zu zuckt ein Blitz oder manchmal, ganz selten, zeigt sich auch Sonne hinter den Wolken. Jeder hat seine Erfahrungen gemacht und sich schnell gewandelt, mit seinen Wünschen und Idealen. Wir mussten uns schnell anpassen an das neue Leben.

Der Weg zurück ist nicht mehr. Erst neulich fiel die letzte Brücke über den Abgrund. Die neuen Länder die wir betreten wirken vielversprechend grün, wir müssen nicht viel tun um sie so zu erhalten. Eigentlich könnten wir ganz zufrieden sein. Aber irgendwas an unserer Verbindung bleibt. Der Geist tappt noch immer in das Land der Ruinen, es ist als wären wir dort nicht fertig. Es ist nichts was verjährt. Nicht in einem Leben und nicht in zehn. Je weiter wir uns weg bewegen desto näher wird es uns kommen, es ist auf keiner Landkarte. Wir müssen zurück finden, jeder auf seine Weise und vielleicht ohne einander, in dieses Land der Ruinen. Bis dahin bleiben wir Wanderer ohne zuhause. Bis dahin können wir fliegen aber nicht landen. Bis dahin können wir treiben aber nicht ankern. Bis dahin können wir lieben aber nicht bleiben.

Auf Tour zu sein ist eines der schönsten Kapitel meines Lebens. Aus  Gemeinschaften die sich am Anfang nur flüchtig gekannt haben sind Familien geworden. Hier könnt ihr lesen was ich nach der letzten Tour an alle geschrieben habe die dabei gewesen sind.

Dear fellows,

now few days did pass since our lovely trip was over, as suddenly and subtle as it began. Since then, I dipped into a whole different world, which is being with my family and finding out what altered beings we are after that time and how we can relate. Luckily, things are going good. It might have been a help to not fall into tour blues. I hope you are all fine too..

I don’t mean to get sentimental, just have a few words I want to share: I’m very grateful for the time we spent, countless little moments are now shivering through this big mass of events I experienced with you. What a group we are, what a way of being, through the thick and the thin, put together by each and every person that was in company. 

In the past years I often had this thought, that in the rush of events I might never really be able to appreciate the ways that lead me there.. Some targets did lay far ahead and I might eventually have reached them, but these targets themselves just held happiness for a very limited amount of time and the long way that led towards them was often full of compromise. Sometimes I had nothing else in mind than a record contract, an album, a next step, whatever it was, and when it was finally there, it was over and out right away. Some new goal took over its place.

However, during the last few days it became clear to me that this journey we took was right the opposite, a long lasting series of beautiful moments, something to be remembered as a feeling, more than a purpose. And this is the way I want to live. I thank you all for that. I treasure it deep in my heart. 

So I will fight for a next chapter, for some events next year and let you all know as soon as possible. In the meantime I try to carry a little bit of our Kayumate into all the other worlds I find myself in, wherever it might fit.

See you all soon.

Max

Manifest des Vertrauens

(aus dem Theaterstück „Die Reise des lausigen Kapitäns“)

1. Wir wollen den Bruch mit allen Grenzen, den äußeren wie den inneren. Die Wände der Wohnungen, in denen wir leben, wollen wir brechen können wie die Zäune und Mauern an den Landesgrenzen, wie die Gedanken, was richtig und falsch ist, zu einem sich stetig wandelnden Ganzen.

2. Wir wollen, dass jedes Konstrukt in dem Menschen miteinander leben Familie genannt wird, auf dass es keine richtigere oder bessere Form von Familie gibt. Wir wollen das omnipräsente Konzept der Ehe infrage stellen, für die Millionen von brüllenden Kreaturen, die sich und ihr ganzes schillerndes Wesen dem untergeordnet haben, aus Angst davor, verachtet zu werden, und deren ganze negative Energie in dieser Gesellschaft steckt, in der sie sich nie frei entfalten durften. Wir wollen unsere eigenen Geschichten des Zusammenlebens schreiben, ohne dafür verurteilt zu werden.

3. Wir wollen, dass unsere Kinder in den Schulen angeleitet werden, den Rhythmus und die Werte ihres Lebens zu finden, anstatt dass sie nach einer veralteten Idee von Normalität geformt werden. So können sie sich selbst und dieser Welt vertrauen, weil sie bei sich selbst sein können. Nur dann werden sie ihre eigenen bahnbrechenden Ideen finden, die noch viel weiter gehen und uns eines Tages ablösen werden.

4. Wir wollen uns loslösen vom Diktat der Technokratie, von dem immer schneller und größer werdenden System von Dingen, die uns abhalten von unserem Ursprung, der Liebe und den tiefen und weiten Gedanken. Wir wollen uns loslösen von der oberflächlichen Kommunikation, von der gesichts- und stimmlosen Kommunikation, die uns nichts über das Menschsein mitteilt und Ursache ist von Missverständnis und Gewalt.

5. Wir wollen die Liebe von den Verpflichtungen befreien, die unsere Eltern und Großeltern ihr auferlegt haben, damit sie, so wie unsere Kinder, ihre eigenen Geschichten schreiben kann. Wir wollen helfen, die Fixiertheit von zwei Menschen nur aufeinander aufzulösen, denn einer kann nie genug sein, um ein anderes Leben zu tragen. Wenn das geschieht, wird ein Aufatmen durch die Welt gehen. So wie es ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen, braucht es auch eine Gemeinschaft, um eine Seele aufzufangen.

6. Wir wollen das Geld entmachten, aber das wird von ganz alleine geschehen, wenn wir uns auf das Leben konzentrieren, denn jedes Kind weiß, dass Glück und Erfüllung nicht mit Geld zu kaufen sind und dass jedes Ding, das mit viel Geld zu kaufen ist, unendlich leer sein kann und jede Stunde an einem Fluss unendlich reich. Wir wollen uns bewusst machen, dass unendliche Möglichkeiten niemals unendliches Glück bedeuten.

7. Wir wollen Traditionen auflösen und das Erbe auf sentimentale Werte beschränken, denn die verschiedenen Klassen und Lebensstile sind Mauern wie die an den Landesgrenzen und sorgen für Unverständnis unter den Bevölkerungsgruppen. So kennen die Reichen die Probleme der Armen nicht und schätzen sie gering, und die Armen kennen die Probleme der Reichen nicht und schätzen sie gering. Dieses Übel wird durch Unwissen von Generation zu Generation weitergegeben. Letztendlich gibt es in allen Schichten eine ähnliche Menge Glück und eine ähnliche Menge von Problemen, aber ein großes Unverständnis füreinander.

8. Wir wollen die Straßen von den unendlichen Blechlawinen und Amaden von Autos befreien, die auch alle Käfige sind und verhindern, dass man sich gegenseitig sieht. Die außerdem stinken und einen Heidenlärm machen.

9. Die einzige Autorität, der wir uns unterordnen wollen, ist die des Miteinanders. Jedes Miteinander von mitfühlenden Menschen wird eine eigene Dynamik finden und seine Rollen nützlich verteilen. Je festgelegter die Rolle, in der wir uns selbst sehen, desto weniger nützlich sind wir für alle Arten von Gemeinschaft. Lasst uns unbeschriebene Blätter sein für all die, die da kommen. Lasst uns die Adjektive, die wir uns selbst angehängt haben und mit denen wir uns eingerichtet haben, vergessen. So wie die Alten dich jung nennen und die Jungen dich alt, werden die Lauten dich leise nennen und die Leisen dich laut, du kannst jedoch für alle etwas sein.

10. Wir wollen das Bewusstsein in uns tragen, dass jeder Mensch sich für den weisesten hält und ihm das auch zugestehen. Denn er ist es für seine eigene Welt. Problematisch ist die Überzeugung, das gelte für alle Welten. Wir wollen das, was für alle Welt gelten kann, nur als Angebot formulieren, als Idee an der man sich orientieren kann, in der Hoffnung, auf diese Weise mit der Zeit noch klarere Pfade zu erschaffen.

Max Prosa, 2018